Protokolle der 41.-42. Tagung aus den Jahren 2025-2026:

41. Tref­fen im Online-Format am 22. November 2025

Die 41. Tagung der Initiative zur historischen Japanforschung fand online statt. Organisiert wurde sie von Julia B. Süße, Christian Werner und Tino Schölz.

Juljan E. Biontino (Chiba): Die Darstellung Japans in den neuen Oberschul-Geschichtslehrbüchern Südkoreas
Im Auftaktvortrag zur diesjährigen Initiative schloss Juljan E. Biontino mit einer Untersuchung des neuen koreanischen Geschichtsunterrichts thematisch an seine Arbeit zu japanischen Schulbüchern, die für das seit 2022 gültige neue Curriculum dortiger Schulen herausgegeben werden. Parallel zur Reform in Japan wurde auch in Korea der Geschichtsunterricht an Schulen neu konzipiert und in vier Fächer geteilt: koreanische Geschichte, Weltgeschichte, ein auf Ostasien fokussierter Unterrichtsblock sowie ein weiteres Fach, das die heutige Welt aus historischer Perspektive beleuchtet. Wie auch in Japan wird hier der explorative Charakter des neuen Unterrichtskonzepts betont.
Besonderer Wert wird in den Schulbüchern, die alle fünf bis sechs Jahre aktualisiert werden sollen, auf die Schlagworte Demokratieverständnis, active learning und Kompetenzorientierung gelegt. Für eine Zulassung gelten mehrere Kriterien: neben objektiv-didaktischen Kriterien wie Lehrplankonformität zählen dazu z.B. auch Linientreue bzgl. politisch umstrittener Punkte oder das Fehlen religiöser Diskriminierung.
Auf diese allgemeine Einführung folgte eine Übersicht des Schulbücherangebots, die sich im politischen Spektrum als neutral-mittig bis leicht oder eher konservativ einordnen lassen; dabei ist unbekannt, wie hoch die Verwendungsraten der verschiedenen Publikationen aktuell sind.
Die inhaltliche Analyse der Schulbücher ist noch nicht abgeschlossen. Exemplarisch stellte Biontino Inhalte des Faches koreanische Geschichte vor, wobei die Schulbücher zweigeteilt sind in Geschichte bis und ab 1910. Bemerkenswert ist, dass bezüglich der koreanischen Frühgeschichte Verbindungen zu Japan (besonders Kaya–Japan/Mimana) kaum thematisiert werden. Auffällig ist zudem die Neueinordnung des Imjin-Kriegs, der im Kontext der nachfolgenden Aggression der Mandschu behandelt wird. Sowohl die Meiji-Restauration als auch die Iwakura-Mission werden im Kontext des Übergangs zur Moderne geschildert. Dabei wird eine rationale Erklärung der japanischen Aggressionen versucht. Die 1910 vollzogene Annexion Koreas wird explizit als erzwungen und illegitim, das Attentat auf Itō Hirobumi allerdings als gerecht gewertet. Die Kolonialgeschichte hebt die Gewalt gegen und die Diskriminierung der Koreaner zwar hervor, wird aber auch mit der Modernisierung der koreanischen Halbinsel unter Japan kontrastiert. Nur eines der untersuchten Lehrwerke behandelt dabei auch Religionspolitik.
Diesem Hauptteil folgten noch kürzere Einblicke in Lehrmaterialen zum Fokus Ostasien und zum neuen Fach des „Blicks auf die heutige Welt“. Ersteres stellt explorativ eine Vielzahl historischer Orte vor, um die Schüler zu ermutigen, sich diese einmal selbst anzusehen; auch das vieldiskutierte Thema der „Trostfrauen“ wird hier in einem gesamtasiatischen Kontext aufgegriffen.
Insgesamt ist festzustellen, dass die Schulbücher, obwohl der Gedanke des explorativen Lernens (analog zum Japanischen tankyū) schon 2015 aufgekommen war, die Materialen nicht fragengesteuert, sondern eher konservativ auf Wissensvermittlung hin konzipiert sind. Dennoch ist eine Annäherung im Bereich der Schulbuchkonzeption und -zulassung zwischen Japan und Korea zu konstatieren, auch wenn die Reformen in beiden Ländern als wenig „revolutionär“ zu bezeichnen sind. Inhaltlich ist dabei zu bemerken, dass der neue koreanische Geschichtsunterricht „nation building“ und die moderne Geschichte stärker betont und weg von bilateral-polarisierenden Darstellungen tendiert; alle Fächer schließen mit einer auf Asien gerichteten Perspektive.
In der darauffolgenden Diskussion kamen vorrangig inhaltliche Fragen, aber auch der Stand bei transnationalen Versuchen der Schulbuchgestaltung zur Sprache. Inhaltlich sind, so der Tenor, vor allem die beziehungsgeschichtlichen Konflikte (wie die Ermordung Itō Hirobumis oder der japanisch-südkoreanische Grundlagenvertrag) von Interesse. Insbesondere die Neubewertung des Imjin-Krieges wurde dabei betont. Dieser wurde nun als Teil eines längeren Bruches in der koreanischen Geschichte erzählt, der jedoch die ethnische Identität der Koreaner nicht zu zerstören vermochte. In Bezug auf den zweiten Aspekt ist festzustellen, dass es aktuell keine Versuche einer Implementation gibt. Inhaltlich Auch der Vergleich mit Taiwan wurde thematisiert; hier ist in Bezug auf die Modernisierung eine zwar ambivalente, alles in allem aber positive Aspekte betonende Darstellung zu beobachten.

Sarah Rebecca Schmid (Fukuoka): Kimura Takatarō (1870-1931) und seine „Neue Geschichtswissenschaft“
Der Vortrag von Sarah Rebecca Schmidt widmete sich Kimura Takatarō und seinem Entwurf einer alternativen Ur- und Frühgeschichte Japans, die er Ende der Meiji-Zeit unter dem Titel Sekai-teki kenkyū ni moto-zukeru Nihon taikō-shi in zwei Bänden publizierte. Vor dem Hintergrund der Biographie Kimuras – er verfügte über sehr gute Englischkenntnisse, hatte Philosophie studiert, kurzzeitig an der Heeresakademie unterrichtet und sich als Übersetzer und Herausgeber Platons und Byrons hervorgetan – arbeitete Schmid die zentralen Aspekte seines Geschichtsbildes heraus. Die Japaner stammten als ältestes zivilisiertes Volk der Welt demnach ursprünglich aus Griechenland, was er vor allem mit Analogien der griechischen und japanischen Mythologie, der Gleichsetzung von Athena und Amaterasu und dem Gleichklang von Ortsnamen im Kojiki bzw. Nihongi und der hellenischen Welt begründete. Konsequenterweise handelten die ältesten japanischen Chroniken auch nicht von Ereignissen z.B. in Korea, sondern im Mittelmeerraum. Zugleich wollte Kimura mit seinem Werk eine „neue Geschichtswissenschaft“ (shin-shigaku) begründen, die komparative Mythologie und Linguistik mit historischen und geographischen Studien zu verbinden trachtete. Obwohl sich Kimura einer wissenschaftlichen Sprache bediente, arbeitete er selbst jedoch nicht im strengen Sinne wissenschaftlich. Auch in Anbetracht seiner scharfen Kritik an der etablierten Geschichtswissenschaft begegnete ihm diese mit „eisigem Schweigen“.
In der anschließenden Diskussion wurden neben Einzelaspekten der Arbeit Kimuras vor allem die Vor- und Nachteile unterschiedlicher Zugänge zu seinem Werk herausgestellt. Dies betraf erstens die Option, ihn noch stärker als im Vortrag bereits geschehen mit anderen Autoren alternativer Geschichte(n) zu vergleichen, zweitens, sein Werk als rückwärtsgewandte Utopie zu begreifen, oder drittens die ökonomische Dimension zu analysieren, d. h. ihn als Autor, der für einen Markt schrieb, in den Blick zu nehmen. In diesem Kontext wäre es vielleicht auch interessant, einmal die Bedeutung alternativer Geschichtsentwürfe für aktuelle Entwicklungen der Spielebranche zu untersuchen.

Wolfgang Thiele (Berlin): Japans 1967/’68er Geheimabkommen mit der Republik China (Taiwan) zur Zwangsrückführung taiwanischer Dissidenten und dessen Auswirkungen auf Japans Menschenrechtsgeschichte
Im dritten Vortrag widmete sich Wolfgang Thiele den Fragen, ob es ein Geheimabkommen zwischen Japan und der Republik China (Taiwan) zur Abschiebung taiwanischer Dissidenten gegeben hat, warum es abgeschlossen wurde, wie der Verhandlungsprozess ablief, warum die geplanten Abschiebungen von Dissidenten abgebrochen wurden und welche Auswirkungen diese Abschiebungen auf die Menschenrechtsgeschichte in Japan und Ostasien hatten.
Erste Vermutungen, dass ein Geheimabkommen zwischen Japan und Taiwan existierte, kamen im Zuge der Ermittlungen zum sog. Liu Wenqing-Zwischenfall im Jahr 1968 auf: Der taiwanesische Unabhängigkeitsaktivist Liu Wenqing sollte am 27. März 1968 von Japan in die Republik China (Taiwan) zwangsrückgeführt werden, nachdem er am Vortag festgenommen worden war. Dabei wurde er der Möglichkeit einer Anhörung beim Bezirksgericht Tōkyō beraubt. Dies führte zusammen mit dem erfolglosen Versuch seiner Gefährten, ihn auf dem Rollfeld des Flughafens Haneda gewaltsam aus den Händen der japanischen Einwanderungsbehörde zu befreien, bereits am Abend des 27. März zu einem breiten Medienecho. Infolgedessen wurden Ermittlungen sozialistischer Abgeordneter des japanischen Parlaments und ziviler Gruppen über die Hintergründe dieser als illegal angesehenen Abschiebung angestellt. Der Vorfall zog zudem die Gründung von Amnesty International Japan nach sich, die sich als erste NGO im Land für die Rechte von Ausländern unabhängig von deren nationaler oder politischer Loyalität einsetzte, sowie die erste erfolgreiche Klage auf Asylrecht und das Scheitern der von der japanischen Regierung vorangetriebenen Einwanderungsrechtsreform. Im Zuge der Ermittlungen kamen zahlreiche Indizien für die Existenz eines Geheimabkommens zwischen Japan und Taiwan ans Licht, wonach Japan die Rückführung politischer Flüchtlinge aus Taiwan zugesagt habe. Diese Indizien wurden allerdings 1971 vom Obersten Gerichtshof in Tōkyō als unzureichend zurückgewiesen und seitdem wurden keine neuen Beweise für dieses angebliche Geheimabkommen vorgelegt.
Die bisherige Sekundärliteratur, die die Existenz des Geheimabkommens behauptete, speiste sich vor Thieles Recherche hauptsächlich aus drei Quellenarten: Zeitzeugenberichten, die wahrscheinlich das Hörensagen von Diplomaten wiedergaben; Befragungen des damaligen Chefs der japanischen Einwanderungsbehörde Nakagawa Susumu vor dem japanischen Parlament und in dem Werk Shutsunyū-koku kanri: Gendai no „sakoku“ von Miyazaki Shigeki (1925-2016), eines ehemaligen Juraprofessors der Meiji-Universität; jedoch gab es darin zahlreiche widersprüchliche Angaben und sie stellten keinen ausreichenden Beweis für dessen Existenz dar. Durch seine Nachforschung in Regierungsarchiven in Japan und Taiwan konnte Thiele jedoch belegen, dass es dieses Geheimabkommen tatsächlich gab. Dieses umfasste die geplante Abschiebung von 16 Taiwan-Aktivisten ab Februar 1968; im Gegenzug sollten 31 chinesische und taiwanesische Kriminelle, die in Japan inhaftiert waren, ebenfalls abgeschoben werden. Jedoch wurden letztlich nur die zwei Dissidenten Guo Xilin und Liu Wenqing nach Taiwan abgeschoben und das Geheimabkommen aufgrund des öffentlichen Widerstands nichtig. Die im Geheimen vorgenommene Abschiebung des Studenten Chen Yuxi vom 9. Februar 1968, bei dem dasselbe Schnellverfahren wie bei Liu angewandt wurde, fiel anders als von Zeitzeugen angenommen allerdings nicht unter dieses Geheimabkommen.
In der Fragerunde wurde diskutiert, ob es neben dem Austausch von Dissidenten noch andere (außenpolitische) Interessen der japanischen Regierung gab, da sie sich auf rechtlicher Ebene durch die illegalen Abschiebungen derart angreifbar machte. In diesem Zusammenhang wurde eine Verbindung zu Chiang Kai-shek hergestellt und angemerkt, dass die starken Unterstützerkreise in Japan für ein Regime unter Chiang ebenfalls in die politische Willensbildung der Zeit einbezogen werden müssten. Jedoch ist Thiele zufolge die Quellenlage dafür (noch) zu undurchsichtig; auch Interviews mit fünf Zeitzeugen konnten aufgrund des heiklen Themas wenige Ergebnisse erzielen. Daraufhin wurde nach der Zugänglichkeit der Materialien und insbesondere der Gerichtsakten gefragt, was Thiele damit beantwortete, dass in Japan viel zensiert wird, man aber zahlreiche unzensierte handschriftliche Quellen findet und zudem die Urteile des Tokioter Bezirks- und Obergerichts vorliegen. In Taiwan hingegen ist die Quellenlage und Zugänglichkeit gut und es gibt wenig Zensur. Zum Schluss wurde über die Forschung im Graubereich und die anspruchsvolle Methodik zur Rekonstruktion von Bedingungsfügen, Interessen und kausalen Zusammenhängen diskutiert.

Victor Jonathan Fink (Heidelberg): „Shishi Database.“ Ein Datenbankprojekt zu Geschichte und Literatur der japanischen frühen Neuzeit (Abschlussbericht)
Victor Jonathan Fink eröffnete die Nachmittagssektion mit seinem Abschlussbericht über die von ihm aufgebaute Shishi Database. Diese entstand als digitale Ergänzung zu seinem Dissertationsprojekt und sollte ursprünglich nicht edierte Quellen, Abbildungen, Kolophone und Übersetzungen aufnehmen. Damit verfolgte er unter anderem die Ziele, die von ihm verwendeten Quellen für die japanologische Forschung und Lehre nutzbar zu machen, die Sichtbarkeit des Themas und die Erfahrbarkeit der visuellen Kultur der Edo-Zeit zu erhöhen und die Forschungslandschaft besser zu erschließen. Durch das Einpflegen von Daten zur Ereignis-, allgemeinen Literatur- und Kunstgeschichte soll eine bessere Verortung der digital verfügbaren Quellen und Informationen sichergestellt werden. Ausführlich berichtete Fink auch über Probleme, die sich bei der Arbeit ergeben haben, besonders den mit den mit der Programmierung verbundenen Zeitaufwand, Fragen des Umfanges der aufzunehmenden Daten und damit der angestrebten Vollständigkeit, oder auch die Notwendigkeit von Korrekturen durch Kolleginnen und Kollegen.
Im Anschluss an den Vortrag wurde die Frage nach der Zukunft der Datenbank aufgeworfen und mögliche Finanzierungsmodelle angesprochen; darüber hinaus wurde eine Reihe von methodischen und praktischen Problemen wie die Auswahlkriterien für aufzunehmende Daten, der Umgang mit widersprüchlichen Daten oder Möglichkeiten der strukturierten Erkenntnisgewinnung sowie die Vernetzung mit anderen Datenbanken wie der Union Catalogue Database of Japanese Texts (Kokusho deetabeesu), Cultural Heritage Online oder der Übersetzungsdatenbank des Shiryō hensan-jo diskutiert.

Aya Puster (Ludwigshafen am Rhein): F.T.H. Kniffler – ein unbekannter deutscher Kaufmann in Japan der Meiji-Zeit
In ihrem Nachmittagsvortrag stellte Aya Puster einen historischen Rekonstruktionsversuch des Werdegangs des Kaufmanns F. T. H. Kniffler vor, auf den sie in ihren Recherchen zum ersten japanischen Deutschlehrer Shiba Ryokai (1839–1879) stieß. Das erkenntnisleitende Interesse zielte dabei auf den Zusammenstoß zweier Kulturen ohne vorherige Kenntnis voneinander, was nun exemplarisch am vorliegenden Fall nachverfolgt werden sollte.
Nach einer kurzen Einführung in die Handelsfamilie Kniffler, in deren Mittelpunkt der Unternehmer Louis Kniffler (1827–1888) stand, konstatierte sie, dass dieser zwei seiner Neffen nach Japan geholt hat, nämlich Alexander aus Krefeld (Sohn von Louis Bruder Carl) und Franz Tillmann Hugo aus Köln (F.T.H., Sohn von Louis ältesten Bruder Julius). Jedoch geben bezüglich des Letzteren die Quellen zwar Hinweise auf zwei Hugo Knifflers in Ostasien, diese entpuppen sich jedoch als ein und dieselbe Person, nämlich als besagter F.T.H. Kniffler, Neffe von Louis Kniffler.
Diesem wies sie durch eine höchst detaillierte Analyse von Quellen in unterschiedlichen Archiven in Deutschland und Japan vier Tätigkeiten in Japan nach: (1) als kaufmännischer Angestellter ab 1871 in Nagasaki, Hyōgo, Ōsaka, Tsukiji bzw. Yokohama; (2) Selbstständigkeit als Kaufmann 1877; (3) als „yatoi“ von 1877–1882 in Mathematik und „Gerätekunde“ (auch Mathematik?); und schließlich (4) als Angestellter in Nagasaki 1881 bis 1882. Daraufhin tauchte er von 1885–1888 in Korea, zuletzt ab 1891 in Shanghai, auf, wo er als „public accountant“ tätig war.
Als Fazit hielt Puster fest, dass F.T.H. Kniffler als Neffe von Louis Kniffler trotz seiner erfolglosen Aktivitäten als Kaufmann eine Sonderstellung genoss, der kaum Kontakt zu seinen Landsleuten hatte. Auch ist bemerkenswert, dass er als einer der wenigen selbstständigen ausländischen Kaufleute dieser Zeit ohne festen Firmensitz und später als einer der ersten Wirtschaftsprüfer in Ostasien tätig war. Puster schloss, dass Kaufleute wie Kniffler und deren Leistungen aufgrund des Mangels direkter Hinterlassenschaften als unterrepräsentiert in der Forschung zur Wirtschaftsgeschichte der Meiji-Zeit zu bewerten sind.
Die Diskussion warf allgemeine Fragen nach der Bedeutung der 1873 gegründeten OAG in Hinsicht auf den Wandel von Einreiseregulationen (Visum usw.) auf. Weitere Fragen drehten sich um Knifflers Biographie. Weder zu seinem Familienstand — verheiratet war er offenbar nicht —, noch zu einer konkreteren Einordnung Knifflers innerhalb der damaligen Szene ausländischer Kaufleute konnten jedoch aufgrund der Quellenlage keine detailliertere Angaben gemacht werden. In diesem Kontext wurde auch seine Beziehung zur Maeda-Familie angesprochen, die ebenso zum jetzigen Zeitpunkt nicht zu klären sei. Es blieb abschließend bei der Feststellung, dass Kniffler, anders als seine Kollegen, offenbar nicht den gegenseitigen Kontakt und die Vernetzung pflegte, woraus sein mangelnder Erfolg erklärt werden kann.

Lukas Frank (Aachen): Forscherinnen in Krieg. Wissenschaftlerinnen am Imperial Women’s Medical and Pharmaceutical College 1930-1947
Im letzten Vortrag der Tagung diskutierte Lukas Frank die wissenschaftliche Tätigkeit von Forscherinnen am Imperial Women’s Medical and Pharmaceutical College während des Asiatisch-Pazifischen Krieges und während der ersten Phase der Besatzungszeit. Damit zielte er darauf, gängige Narrative der japanologischen Geschlechterforschung wie die Trennung in Front und Heimatfront oder das Konzept der „doppelten Pflicht“ von Frauen in Form von Produktions- und Reproduktionsarbeit kritisch zu hinterfragen und stattdessen Handlungsspielräume von Frauen in der Wissenschaft auszuloten. Für dieses Projekt wurden 31 Studien ausgewertet, die von Frauen durchgeführt wurden oder an denen sie beteiligt waren. Sie betrafen so unterschiedliche Bereiche wie Naturheilkunde, bakteriologischen Studien oder die Erforschung von Impfstoffen, Hormonen, Neurotoxinen und der Knochengewebsregeneration. Hierdurch konnte Frank nicht nur die Integration von Frauen in die zeitgenössischen Wissenschaftsnetzwerke belegen, sondern auch ihre aktive Rolle bei der Produktion von „intellektuellen Ressourcen“ in Form kriegsrelevanten Wissens herausarbeiten. Damit unterstrich er die Diversität der Erfahrungen von Frauen sowie die Komplexität weiblicher Handlungsspielräume in der Kriegszeit, welche in der Forschung oft unterschätzt werde.
Abschließend arbeitete Frank durch einen Vergleich mit der Erforschung bakteriologischer Kriegführung durch Ishii Shirō im Kontext des japanischen Militärs Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der medizinischen Forschung durch Frauen und durch die Armee heraus. Dabei betonte er trotz ähnlicher Zielsetzungen (Leistungssteigerung von Soldaten und Bekämpfung relevanter Krankheiten) vor allem die unterschiedlichen ethischen Standards; vor allem wurden am Imperial Women’s Medical and Pharmaceutical College keine Menschenexperimente durchgeführt.
In der anschließenden regen Diskussion wurde vor allem die Gender-Perspektive vertieft; debattiert wurden unter anderem der japanologische Forschungsstand, Annahmen und Zugänge zum Thema Frauen im Krieg, die Stellung des Imperial Women’s College in der japanischen Wissenschaftslandschaft, seine hierarchischen Strukturen und schließlich institutionelle Abläufe bei den im vorgestellten Projekt untersuchten Forschungsprojekten.

Abschlussdiskussion
In der Abschlussdiskussion wurden aktuelle Projekte und Publikationen aus dem Kreis der Initiative vorgestellt und in diesem Zusammenhang auf zwei Neuerscheinungen in der Reihe „Japan in Ostasien“, Beate Löfflers neues Werk „Constructing Japan“ und den neuen Sammelband „Military Justice in Modern History“ von Kelly Maddox, Tino Schölz und Urs Matthias Zachmann hingewiesen.

Die nächste Tagung der Initiative findet am 6. und 7. Juni 2026 in Leipzig statt. Die Homepage der Initiative ist auf einen neuen Server umgezogen und wurde aktualisiert; die Weiterführung der Bibliographie zur historischen Japanforschung ist für 2026 geplant.

(Julia B. Süße, Christian Werner und Tino Schölz)

42. Tref­fen am Campus Leipzig der FernUniversität in Hagen am 06. & 07. Juni 2026

Die 42. Tagung der Initiative zur historischen Japanforschung fand in Leipzig statt. Organisiert wurde sie von Wolfgang Thiele, Alexander Toby Wolf und Julia B. Süße.

Till Knaudt (Leipzig): Projektvorstellung: „The Politics, Knowledge, and Technology of Conspiracy Theories in the Global Easts“
Im ersten Vortrag stellte Till Knaudt sein Projekt „The Politics, Knowledge, and Technology of Conspiracy Theories in the Global Easts“ vor. Das Projekt untersucht die Entstehung und politische Wirkung moderner Verschwörungstheorien in Ostasien und Osteuropa seit dem Ende des Ersten Weltkriegs. Im Fokus stehen dabei „Globale Osten“ als transimperiale Räume, in denen Mythen über geheime „Netzwerke“, Antisemitismus, Antikommunismus und esoterische Vorstellungen zirkulierten und immer noch zirkulieren. Diese werden mittels historischer Analyse von Ideologiekritik globaler Verschwörungstheorien und ihren politischen Akteuren untersucht. Der Vortrag stellte in diesem Rahmen insbesondere die Verbreitung des Agartha-Mythos von Polen bis Japan vor, ausgehend von Ferdinand Ossendowskis Reisebericht von 1923 über seine Flucht aus Sibirien. In Japan wurden solche Verschwörungstheorien bereits in den 1920er Jahren aufgegriffen und erlebten im Okkultismus-Boom der 1970er Jahre eine erneute Konjunktur. Der Einfluss von Verschwörungstheorien ist auch heute noch sichtbar, da dieser bis hin zu politischer Gewalt wie beim Sarin-Gas-Anschlag von Aum Shinri-kyō 1995 sowie zu aktueller parlamentarischer Präsenz verschwörungstheoretischer Parteien in Japan führt.
In der anschließenden Diskussion wurde über die Abgrenzung von Verschwörungstheorien zur Religion debattiert. Neben vielen Überschneidungen sind Verschwörungstheorien zwar neuer als religiöse Phänomene wie beispielsweise der Katholizismus, in der Analyse muss jedoch auch der Einfluss von Religionen beachtet werden. Weiterhin wurde über die Methodik der historischen Analyse von Verschwörungstheorien diskutiert. Die stetige Veränderung des Feldes sowie das gezielte Aufbrechen von „rechten“ und „linken“ politischen Konzepten bezüglich der Untersuchung von Antisemitismus, Antikommunismus und esoterischen Vorstellungen beeinflussen die Forschungsergebnisse und müssen entsprechend berücksichtigt werden. Dabei wurde der Vorschlag unterbreitet, den Fokus auf Kontinuitäten und Brüche zu richten, um sich dem Untersuchungsgegenstand systematisch anzunähern. In diesem Zusammenhang wurde auch nach der Methodik des Vergleichs von Verschwörungstheorien in anderen Ländern gefragt, insbesondere, da es sich um ein internationales Projekt handelt.

Kimoto Shin (Osaka): Der historische Wendepunkt in der Rezeption Nietzsches in Japan
Kimoto Shin stellte in seinem Vortrag die Nietzsche-Rezeption in Japan vor, wobei er besonders auf dessen Rezeption und Fortentwicklung durch Nishitani Keiji einging. Während aus Sicht Kimotos die heutige Nietzsche-Rezeption in der akademischen Welt weitgehend mit der internationalen Nietzsche-Interpretation übereinstimmt, trifft dies auf die populäre Interpretation nicht zu; diese wird anhand einer viel nativer japanischen und durch lokale Glaubenstraditionen geprägten Sichtweise behandelt. Kimoto näherte sich dieser populär-japanischen Sichtweise durch Betrachtung der historischen Nietzsche-Rezeption in Japan bis hin zu Nishitani an. Viele fundamentale Nietzsche-Themen wie der Gottesverlust und sein bedrohliches Weltbild waren von der frühen japanischen Nietzsche-Rezeption außer Acht gelassen worden. Stattdessen waren Übersetzungen und Interpretation stark durch buddhistisches Vokabular geprägt. Nishitani, der in der japanischen Moderne den Zerfall traditioneller Werte und Nachkriegslethargie beobachtete, entwickelte auf Basis von Nietzsche seinen eigenen Nihilismus unter Zuhilfenahme des Buddhismus kritisch weiter, um diese Krise der Moderne zu überwinden. Laut Nishitani entblößte Nietzsches Nihilismus die Falschheit der europäischen philosophischen Tradition. Er kritisierte, dass der Glaube an Technik und Wissenschaft zur Selbstauflösung Japans führte und versuchte deshalb, den Buddhismus zu reformieren sowie durch die Entleerung der Leere und die Durchsetzung des Nihilismus durch denselben den Nihilismus zu überwinden und die Wahrheit des Seins zu verstehen. Dadurch sollte die Bejahung aller Erscheinungen ermöglicht werden. Der Gottestod war für Nishitani unerheblich, da es in Japan durch seine polytheistische Tradition schon immer einen Wertepluralismus gegeben hat, weshalb es keine monolithische Normenquelle in Form des einen Gottes gab. Dabei übersah Nishitani jedoch den befreienden und zukunftsorientierenden Aspekt des Gottestodes.
In der Fragerunde wurden die von Nishitani Keiji genutzten Begriffe stärker in den Fokus gerückt. Diese sind basierend auf seinem Verständnis von Nietzsche dem Buddhismus entliehen worden. Ob Nishitani mit japanischen Übersetzungen gearbeitet hat, bleibt jedoch ungewiss. Zudem wurde Nishitanis Position zum „Tennō-Kult“ angesprochen. Seine Haltung zum sowie sein Fokus auf den Buddhismus ermöglichte eine Akzeptanz dessen vor sowie nach dem Zweiten Weltkrieg, sodass sich Nishitani nie vom Tennō-Kult abgewendet haben soll.

Steffi Richter (Berlin) & Anke Scherer (Bochum): „Requiem für die Maruta und Rōmusha“. Aufarbeitung von Menschenversuchen der Kaiserlichen Armee Japans in Südost-/Ost-Asien im Spannungsfeld von Wissenschaft und Kunst
Im letzten Vortrag des ersten Tages stellten Steffi Richter und Anke Scherer die Videoaufzeichnung der 2022 stattgefundenen Vorführung von „Requiem für die Maruta und Rōmusha“ sowie deren Entstehung zur Diskussion, und fragten danach, ob und wie diese zusammen mit dem Themenkomplex Einheit 731 an ein deutschsprachiges Publikum herangetragen werden kann. Steffi Richter wurde über den Künstler Tsuboi Akira, der die Aufarbeitung von 731-Verbrechen durch die beiden Wissenschaftler Matsumura Takao und Kurasawa Akiko bildlich verarbeitete, auf dieses Werk aufmerksam und schuf zusammen mit Anke Scherer die deutsche Untertitelung. Erst seit den 1980er Jahren werden die weitreichenden Verflechtungen der mit der Erforschung, Herstellung und Anwendung biologischer Waffen beauftragten Einheit 731 aufgedeckt, die heute auch als „System 731“ bezeichnet wird. Problematisiert wurden eventuelle Parallelen in der Aufarbeitung von Kriegsverbrechen – wie Menschenversuchen –, die von Wissenschaftlern und Medizinern in der NS-Zeit, insbesondere an Instituten der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, begangen wurden. Deren Aufklärung erfolgt in Deutschland seit den 1990er Jahren, gefördert und publik gemacht durch öffentliche Projektmitteln. Staatlich basierte rechtskonservative Geschichtspolitik in Japan hingegen erschwert es um Aufklärung bemühten Forschenden und Kunstschaffenden, ähnliche Projekte breitenwirksam werden zu lassen, und zwar auch über Japan hinaus. Kann daher ein Werk wie das „Requiem“ eine kleine Brückenfunktion übernehmen?
Darum ging es dann in der Diskussion: Ist das „Requiem“ geeignet, ein auch über akademische Kreise hinausgehendes Publikum mit den Geschehnissen – der Geschichte – des Systems 731 bekannt zu machen, und wenn ja, dann jeweils WIE?  Debattiert wurden zudem Präzision, Aufbereitung und Auswahl historischer Fakten in dieser künstlerischen Darbietung von 731-Kriegsverbrechen und dem Umgang damit im Nachkriegsjapan. Da faktisch keinerlei Wissen darüber bei Rezipienten außerhalb Japans vorausgesetzt werden kann, bedarf es bei einer Präsentation des Videos einer intensiven Moderation und Kontextualisierung des vorgestellten Materials. Zudem wurde die Verknüpfung dieses historischen Themas mit gegenwärtigen politischen Ereignissen und Positionen diskutiert. Diesbezüglich wurde vorgeschlagen, die filmische Darbietung eventuell unter Auslassung bestimmter Teile oder aber als Teil einer größeren Ausstellung zu nutzen.

Benjamin Schmidt (Hamburg): (Administrative) Schriftlichkeit zwischen Mittelalter und Früher Neuzeit: Vorstellung eines Forschungsprojektes zur Dokumentenüberlieferung der Region Uchiura
Benjamin Schmidt stellte sein Anfang dieses Jahres begonnenes Forschungsprojekt zu Dokumenten der Region Uchiura (Numazu), einer von Fischerei geprägten ländlichen Region, im Wandel vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit vor, welches er am Hamburger Centre for the Study of Manuscript Cultures durchführt. Ein großer Teil der Dokumente wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Shibusawa Keizō in den Privatsammlungen von Nachkommen ehemaliger Lokalverwalter gefunden, an die Universität Tōkyō übergeben und anschließend ausgiebig von verschiedenen japanischen Forschergenerationen untersucht. Inzwischen befindet sich das Material im Archiv des National Institute of Japanese Literature. Schmidt stellte zuerst die Entwicklung der bisherigen japanischen Dokumentenforschung und ihrer Prioritäten vor. Anschließend zeigt er auf, wie sich die Schriftlichkeits- und Dokumentenkultur insbesondere auf lokaler Ebene vom Mittelalter bis in die Frühe Neuzeit veränderte. Dabei ging er insbesondere auf die Rolle von Stempeln im Gegensatz zu Unterschriften als ein Beispiel des Wandels von Handlungsmustern und Praktiken ein.
In der anschließenden Diskussion wurde die Bedeutung der Grundlagenforschung herausgestellt, die auch für dieses Projekt wichtig ist. Das Centre for the Study of Manuscript Cultures bietet zahlreiche Möglichkeiten zur Zusammenarbeit mit Manuskriptforschenden aus anderen Regionalwissenschaften sowie archäometrische Analysen der Manuskripte. Schmidt hat für sein Projekt eine Dokumentendatenbank erstellt, die bereits über 1.000 Einträge beinhaltet, jedoch aufgrund zum Teil unvollständiger Dokumentenkataloge nicht vollumfänglich ist. Die Dokumente von Uchiura sind allerdings weitestgehend erschlossen. Zuletzt wurde über den Begriff jikata monjo diskutiert, wobei der Forschungs- sowie historische Begriff unterschiedlich zu verstehen sind: Die engere Definition beinhaltet nur die Dorfverwaltung in Bezug auf den Lehnsherren, die breitere alle nicht städtischen Dokumente.

Lukas Frank (Aachen): Biochemie und Rechtsmedizin: Inoue Takeshi (1906–1987), Adolf Butenandt (1903–1995) und die Entstehung einer „Neuen Rechtsmedizin“ im Nachkriegsjapan
Der Vortrag von Lukas Frank widmete sich der Rolle des japanischen Rechtsmediziners Inoue Takeshi (1907-1987) im Rahmen des deutsch-japanischen Wissenschaftstransfers der 1930er bis 1960er Jahre. Inoue fokussierte sich hauptsächlich auf die Gerichtsmedizin und die Nutzung biochemischer Prozesse in diesem Bereich, wodurch er fundamental die japanische Rechtsmedizin prägte. Ein zweijähriger Auslandsaufenthalt am Kaiser-Wilhelm-Institut für Biochemie in Berlin zwischen 1937 und 1938 gestaltete Inoue hierbei zu einem bidirektionalen Akteur des Wissenschaftstransfers. Frank unterteilte das Wirken von Inoue sowie seine Transferprozesse in drei Phasen: Erstens, während seiner Studien- und Forschungszeit bis 1936 hatte er bereits erste Anknüpfungspunkte mit der deutschen Wissenschaft gebildet. Zweitens, der Aufenthalt in Deutschland 1937 bis 1938, welcher Inoue in ein transnationales Netzwerk mit deutschen Forschern einbettete. Drittens, die Veränderungen nach Ende des Zweiten Weltkriegs innerhalb Japans, die Inoue in den Mittelpunkt des Konflikts zwischen der bereits angeknüpften, deutschen Wissenschaft mit den nahezu oktroyierten, US-amerikanischen Strukturen stellten. Die institutionellen und nationalen Umbrüche sowie epistemische Kontinuitäten stellten dabei jedoch keine Kehrseiten voneinander dar, sondern waren Teil derselben historischen Realität.
Die Diskussion des Beitrags fokussierte sich auf Inoues Wirken sowie seinen Auslandsaufenthalt in Deutschland. Hierbei wurde auf das Fehlen von politischen Elementen innerhalb Inoues Berichten aufmerksam gemacht. Ebenso wurden einzelne Stationen dieser Reise, etwa ein Aufenthalt in Jena, hervorgehoben. Weiterhin wurde der Einfluss Inoues sowie die Langzeitwirkung seiner institutionellen Arbeit auf die japanische Rechtsmedizin und die japanische Universitätskultur innerhalb dieses Bereichs diskutiert. Zuletzt wurde eine strukturierte Analyse des Wirkens von Gastwissenschaftlern der Rechtsmedizin in Japan als möglicher Forschungsgegenstand diskutiert.

Christian Werner (Bonn): „The 13 Lords of the Shōgun“. Zu einem bedeutsamen Moment in der Geschichte des japanischen Mittelalters
Christian Werner diskutierte in seinem Vortrag die Frage, inwieweit die „Entmachtung“ des zweiten Kamakura-Shōguns Minamoto no Yoriie kurz nach dessen Amtsantritt infolge des Todes seines Vaters Minamoto no Yoritomo tatsächlich eine von seiner Mutter Masako bzw. der etablierten Herrschaftseliten des Shōgunats vorangetriebene Entmachtung zugunsten eines Regentschaftsrates von 13 Vasallen war. Entgegen der etablierten Lehrmeinung argumentierte er, dass die entsprechenden Edikte tatsächlich eine Bürokratisierung der Shōgunatsherrschaft und somit Reproduktion dynastischer Herrschaft darstellten, indem administrative Angelegenheiten nicht mehr dem Shōgun persönlich vorgebracht wurden, sondern einem Gerichtshof, der wiederum an den Shōgun berichtete. Im selben Zug wurden Yoriie mehrere Kämmerer mit privilegiertem Zugang zum Herrscher zugewiesen. Der Vortrag ging detailliert auf die Quellenlage ein, insbesondere auch darauf, wie das Azuma kagami (ca. 1300) Yoriie als einem im konfuzianistischen Sinne schlechten Herrscher darstellte, um dessen erzwungene Abdankung im fünften Jahr seiner Herrschaft zu rechtfertigen.
In der Diskussionsrunde wurde vor allem auf die fragmentarische Überlieferung des Azuma kagami eingegangen. Es ist nicht rekonstruierbar, ob – und falls ja, welche – Teile des Werks absichtlich oder unabsichtlich angepasst oder umgeschrieben worden sind. Auch über das absichtliche Weglassen von Namen existiert in der Forschung Uneinigkeit. Zudem wurde sich nach der Reaktion des Kaiserhofs in Kyōto erkundigt; in dortigen Quellen finden sich jedoch keinerlei Belege für die Existenz eines Regentschaftsrats. Weiterhin wurde der Bezug zur europäischen Trennung von Herrscher und Rat sowie zum Absolutismus hergestellt und eruiert, inwieweit sich der Shōgun als oberster Diener des Tennō und als militärischer Herrscher verstand. Zuletzt wurde über die Begriffe Königtum und Shōgun und deren Verhältnis zueinander diskutiert.

Abschlussdiskussion
In der Abschlussdiskussion wurde über künftige Treffen der Initiative gesprochen. Die Initiative wird weiterhin im halbjährlichen Rhythmus veranstaltet, wobei die Initiative im Winter nach wie vor im Online-Format und die im Sommer in Präsenz ausgerichtet wird.

Das nächs­te, 43. Tref­fen der Initia­ti­ve findet am 28. und 29. November 2026 im Online-Format statt­. Das Tref­fen wird von Sara Burghardt (Leipzig), Michael Albert (Bonn), Julian Leßau (Dresden) und Benjamin Schmidt (Hamburg) organisiert.

(Wolfgang Thiele, Alexander Toby Wolf und Julia B. Süße)


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